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In Zusammenarbeit mit den Baupiloten der TU Berlin entwickelten Schüler_innen der Erika-Mann-Grundschule in den Jahren 2002/2003 und 2006/2007 ein architektonisches Konzept, in dem pädagogische Anforderungen und die Wunschvorstellungen der Kinder miteinander in Einklang gebracht wurden. Entstanden ist eine Raumvielfalt, die der Individualität der Kinder Rechnung trägt und von den Schüler_innen sehr wertgeschätzt wird. Sie empfinden ihre Schule nicht mehr nur als Lern-, sondern auch als Lebensort.

Silberdrachenwelten

In der Vorstellung der Kinder lebt ein Drache in der Schule und hinterlässt seine Spuren, die ihr Leben und Lernen spannender machen: die Silberdrachenwelt. Die Schüler_innen entwickelten die Idee des Silberdrachen. Aus dieser Vorstellung entstand der Entwurfseinstieg für die Baupiloten-Studierenden, die die atmosphärischen Qualitäten in Collagen und Modellen herausarbeiteten, um sie mit den Schüler_innen zu diskutieren und zu verfeinern. Die gemeinsam entwickelte Fiktion einer „Silberdrachenwelt“ verbindet thematisch alle Etagen und Treppenhäuser Schule und wird umso deutlicher, je weiter man sich im Gebäude nach oben bewegt:

Direkt am Eingang empfangen den Besucher gemalte, gezeichnete oder geklebte Kunstwerke, die einen in der Silberdrachenwelt willkommen heißen. Im Erdgeschoss finden sich Fußspuren des Drachen in Form von gelb-grün lackierten Metallmöbeln wieder. Pflanzen unter violettem Licht führen zur „lebenden Höhle“, einem Schlafplatz des Silberdrachen.

Garderobenschränke in Form von Dracheneiern

Im ersten Stock ist der Atem des Silberdrachen spürbar, wenn sich die weißen, von der Decke hängenden Schleier wie von Geisterhand bewegen. Hier befinden sich die „Drachenschränke“, Garderobenschränke in Form von Dracheneiern, die über die Etage verteilt sind. Im 2. Obergeschoss laden aufklappbare Sitz- und Garderobenelemente zum Lernen „unter den Flügeln des Drachen“ ein. Überall finden sich Drachenkrallen und –schuppen, die kleine Lerninseln bilden und der Etage dank ihrer speziellen Farbgebung eine besondere Atmosphäre verleihen und schaffen gleichzeitig Raum für differenzierten Unterricht in kleinen Gruppen schaffen.  In der 3. Etage, einer Lernlandschaft aus leuchtenden Drachenschweifen und der Spielgalerie, in der  der Drache einen Blick auf alle Schülerinnen und Schüler der Erika-Mann-Grundschule wirft, findet eine Verwandlung all jener statt, die sich auf die Geschichte und den Geist des Silberdrachens einlassen.

Die Treppenhäuser greifen den musisch-künstlerischen Schwerpunkt der Schule auf. Im klingenden Treppenhaus ist mit der „Riesenbrummsel“ (einer Art riesiger Treppenharfe) ein Klanginstrument der besonderen Art entstanden, das sowohl den Drachen, als auch Schüler_innen und Besucher_innen zupfen, horchen und innehalten lässt. Im zweiten Treppenhaus befindet sich die Bildergalerie, eine regelmäßig wechselnde Ausstellung aus allen Klassenstufen, zieht sich vom Erdgeschoss bis unter das Dach in der dritten Etage.

Leseempfehlung

„Mit Raumgefühl und Fantasie: Architekten machen Schule“, Bericht der Berliner Morgenpost über das Raumgestaltungskonzept der Erika-Mann-Grundschule

Schnaubgarten als Rückzugsort

Räume wie der „Puzzleclub“ oder der „Schnaubgarten“ bieten Möglichkeiten zum Rückzug, lernen und zur Kommunikation. Die Spuren des Lichts spiegeln die Transparenz der Lernprozesse und Leistungsanforderungen wider und die kontrastreiche Verwendung von Farbe ist Ausdruck des friedlichen und fröhlichen Miteinanders.

Während der beiden Bauabschnitte wurden die weiten Flure der denkmalgeschützten Schule aus dem 19. Jahrhundert als zusätzliche Lern- und Lebensräume im Zuge der Schulreform umgestaltet. Sitz- und Garderobenelemente aus unterschiedlichsten nicht brennbaren Materialien tauchen jedes Geschoss in eine andere Atmosphäre und schaffen gleichzeitig Raum für differenzierten Unterricht in kleinen Gruppen. Zudem wurde das Gebäude für den Ganztagsbetrieb ausgebaut. Hier wurden die Flure durch Sitzlandschaften für den Unterricht und als Orte der Begegnung nutzbar gemacht sowie mit zwei Freizeiträumen komplementiert. Die neu entwickelten, nicht normgerechten Sitzmodule bieten den Kindern die Chance, eine individuelle Körperhaltung für Lernen, Ausruhen oder Spielen zu finden. Die aufklappbaren Sitzmöbel mit weichen Matten bieten eine Rückzugsmöglichkeit für eher introvertierte Beschäftigungen. In der Spiegelgalerie können Schülerarbeiten ausgestellt werden, die mit ihren vielfachen Spiegelungen die Raumwirkung bestimmen. Alle Anforderungen, die aus dem Denkmalschutz, Brandschutz und Unfallschutz resultierten, wurden bei den Baumaßnahmen berücksichtigt.

Integration durch Partizipation

Die Transformation der Erika-Mann-Grundschule hat sich als ein Beispiel von Integration durch Partizipation erwiesen und zeigt, dass architektonische Eingriffe auch im kleinen Maßstab als sozialer Katalysator für den Stadtteil wirken können.